«Der Schweizer Wald muss klimafit werden»

    Der Klimawandel stellt den Schweizer Wald und die Forstwirtschaft vor grosse Herausforderungen. Hitze, Trockenheit und zunehmende Waldbrandgefahr setzen den Wäldern zu, gleichzeitig verändern sich die Bedingungen für die Waldarbeit. Im Gespräch erklärt Roland Furrer, Geschäftsführer des Verbandes Forstunternehmer Schweiz FUS, weshalb der Waldumbau zur zentralen Aufgabe wird, welche Rolle klimafitte Baumarten und eine gute Walderschliessung spielen und warum es dafür neben Geld auch gut ausgebildete Fachleute und Verständnis in der Bevölkerung braucht.

    (Bilder: zVg) Wald am Chestenberg ob Möriken im Kanton Aargau. Zahlreiche Baumkronen sind bereits im August braun.

    Herr Furrer, welche Rolle spielen die Forstunternehmen heute im Schweizer Wald – und welche Rolle werden sie in Zukunft spielen?
    Roland Furrer: Wir sind auf Forstarbeiten spezialisierte Dienstleister und gewinnen im Schweizer Wald zunehmend an Bedeutung. Waldeigentümer und Forstbetriebe erkennen, dass sich die Auslagerung von Forstarbeiten lohnt. Forstunternehmen verfügen über die nötige technische Ausrüstung und qualifiziertes Personal, um Holzschläge und Pflegemassnahmen fachgerecht und effizient auszuführen. Angesichts des rasanten technischen Fortschritts und der hohen Investitionen in Spezialmaschinen wird die Bedeutung der Forstunternehmen weiter zunehmen. Die Maschinen müssen möglichst gut ausgelastet sein, damit sie wirtschaftlich betrieben werden können. Nicht jeder öffentliche Forstbetrieb kann und muss sich deshalb einen eigenen, vollausgebauten Forstmaschinenpark leisten.

    Was sind aus Sicht des FUS aktuell die grössten Herausforderungen für die Forstunternehmen?
    Eine grosse Herausforderung ist das fehlende Verständnis für die Waldwirtschaft. Viele Menschen sehen den Wald primär als Freizeit- und Erholungsraum und vergessen, dass er auch eine wichtige Rohstoffquelle ist. Eine Einschränkung der Schweizer Waldwirtschaft würde zu mehr Holzimporten führen – teilweise aus Ländern mit tieferen Standards bei Naturnähe und Nachhaltigkeit. Problematisch sind auch zunehmende Einschränkungen von Holzschlägen und Pflegemassnahmen während der Brut- und Setzzeit durch die Kantone. Der Schutz von Vögeln und Jungtieren ist wichtig, gleichzeitig setzen die mehrmonatigen Arbeitsunterbrüche die Forstbranche wirtschaftlich und organisatorisch unter Druck. Wärmere und feuchtere Winter verschärfen die Situation zusätzlich, weil trockene und damit befahrbare Böden für die Waldarbeit seltener werden.
    Der diesjährige Extremsommer verschärft die Lage weiter. Hitze und Trockenheit setzen den Wäldern stark zu, besonders den Buchen. Vielerorts sind Baumkronen bereits braun oder kahl. Zahlreiche Bäume werden den Sommer nicht überleben, weshalb mit grossen Mengen an sogenannten «Zwangsnutzungen» zu rechnen ist.

    Wie verändert der Klimawandel die tägliche Arbeit der Forstunternehmen?
    Wir schwitzen bei der Waldarbeit mehr. Schliesslich tragen wir Schutzkleidung und Schutzhelm, und die Arbeit ist teilweise körperlich sehr anstrengend. Angenehmer ist es in der klimatisierten Fahrerkabine einer Forstmaschine. Wie sich der Klimawandel mittel- und langfristig auf die Wälder und damit auf die Waldarbeit auswirken wird, ist schwierig vorherzusagen. Sicher ist jedoch – und das zeigt sich in diesem Extremsommer eindrücklich –, dass empfindliche Baumarten in tieferen Lagen zunehmend an ihre Grenzen stossen. Wir Forstfachleute müssen uns deshalb immer mehr überlegen, wie wir die Wälder möglichst «klimafit» machen können.

    Roland Furrer, Geschäftsführer des Verbandes Forstunternehmer Schweiz FUS: «Klimaangepasste Waldbestände zu schaffen, ist ein langfristiger Prozess. Für Waldbesitzer, Forstbetriebe und Forstunternehmer bedeutet dies eine Herausforderung, die sich über Jahrzehnte erstrecken wird.»

    Der Waldbericht 2025 zeigt deutlich, dass Hitze, Trockenheit, Stürme und Schadorganismen den Schweizer Wald zunehmend unter Druck setzen. Wie gut ist unser Wald Ihrer Einschätzung nach auf diese Entwicklung vorbereitet?
    Auch auf uns Forstfachleute kommen viele Unbekannte zu. Ich lernte in meinem Forstingenieur-Studium an der ETH schon vor gut 35 Jahren, dass mit dem Klimawandel in den tieferen und wärmeren Lagen der Schweiz einige Baumarten Schwierigkeiten bekommen könnten. Nun bewahrheiten sich diese Prognosen. Das grosse Schlagwort bei uns Forstfachleuten ist unterdessen der «Waldumbau» hinzu zu klimaangepassten Waldbeständen. Aber das ist eine Mammutaufgabe, die auf die Waldbesitzer, Forstbetriebe und Forstunternehmer zukommt. Das ist nicht von heute auf morgen zu bewältigen und wird ein jahrzehntelanger Prozess sein.

    Welche Baumarten und Waldstrukturen werden aus Ihrer Sicht künftig besonders wichtig sein – und wie stark sollten wir bei der Waldbewirtschaftung aktiv eingreifen?
    Wir Förster arbeiten gerne mit dem, was die Natur hervorbringt. Der Klimawandel zwingt uns jedoch, diese traditionelle Praxis zunehmend zu hinterfragen und mit klimafitteren Baumarten zu experimentieren. Dazu gehören einheimische Arten wie die Eiche, aber auch Baumarten aus dem Mittelmeerraum oder Nordamerika, etwa die Zeder, Roteiche und Douglasie. Dabei müssen wir ökologische und wirtschaftliche Aspekte verbinden: Die Baumarten sollten nicht nur mit dem künftigen Klima zurechtkommen, sondern auch für die Holzwirtschaft geeignet und gut verarbeitbar sein. Wälder sind komplexe Ökosysteme, weshalb ihre Entwicklung unter dem Klimawandel schwer vorherzusagen ist. Eine weitere Herausforderung sind die langen Zeithorizonte: Bäume brauchen oft hundert Jahre oder mehr bis zur Erntereife, während sich die Umweltbedingungen viel schneller verändern. Deshalb wird sich möglicherweise auch die sogenannte «Umtriebszeit» verkürzen müssen.

    Kann man den Wald überhaupt schnell genug an den Klimawandel anpassen – oder müssen wir uns darauf einstellen, dass gewisse Waldtypen und Baumarten verschwinden werden?
    In den tieferen Lagen der Schweiz zeichnet sich ab, dass gewisse Baumarten wie die Buche künftig nicht mehr überall überleben können. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Buchen mehr geben wird: Baumarten und Waldtypen werden sich zunehmend in höhere Lagen verschieben. Vor allem im Mittelland und im Jurabogen werden wir uns deshalb an neue Waldbilder gewöhnen müssen. Neue Baumarten werden hinzukommen – durch natürliche Prozesse oder gezielte Pflanzungen.
    Auch die durchschnittliche Baumhöhe dürfte abnehmen. Denn je höher ein Baum ist, desto schwieriger wird es bei Trockenheit, ausreichend Wasser bis in die Baumkrone zu transportieren. Die dabei entstehenden hohen Saugspannungen können die Leitgefässe schädigen. In der Folge sterben Baumkronen oder Teile davon ab – das bedeutet meist den ersten Schritt zum Absterben des gesamten Baumes.

    Waldbrände werden auch in der Schweiz zu einem immer grösseren Thema. Was müsste aus Sicht der Forstunternehmen bei der Prävention dringend verbessert werden?
    Die Bevölkerung hält sich sehr gut an die Feuerverbote. Dass es in der Schweiz bisher kaum grössere Waldbrände gab, ist auch ihrer Disziplin zu verdanken. Entscheidend ist im Brandfall zudem, dass die Feuerwehr schnell zum Brandherd gelangt – dabei spielen Forststrassen eine zentrale Rolle. Ein gepflegter und bewirtschafteter Wald ist zudem weniger brandgefährdet: Vielfältige Strukturen bremsen die Brandausbreitung, und weniger Biomasse bedeutet weniger intensive Feuer.

    Der diesjährige Extremsommer setzt der Natur zu: Braune Buchenblätter im Wald.

    Was braucht der Schweizer Wald heute am dringendsten, damit er auch in 50 oder 100 Jahren noch seine vielfältigen Funktionen erfüllen kann?
    Für den Waldumbau hin zu «klimafitten» Wäldern braucht es genügend Mittel. Geld allein reicht aber nicht: Ohne gut ausgebildete Forstfachleute und gut ausgerüstete Forstbetriebe und Forstunternehmen geht im Wald nichts. Wichtig ist auch die Rolle des Privatwaldes. Ein erheblicher Teil des Schweizer Waldes gehört Privatpersonen. Während sich öffentliche Waldeigentümer wie Gemeinden, Städte und Kantone engagiert um ihre Wälder kümmern, ist es eine grosse Herausforderung, auch die Hunderttausenden Privatwaldeigentümer für die Pflege und Bewirtschaftung ihrer Wälder zu gewinnen – sei es selbst oder mit Unterstützung eines Forstbetriebs oder Forstunternehmens.

    Müsste die Politik mehr Geld in die Anpassung des Waldes an den Klimawandel investieren? Und wenn ja: Wo sollte dieses Geld prioritär eingesetzt werden?
    Unbedingt! Unser Verband setzt sich gemeinsam mit anderen Verbänden der Wald- und Holzwirtschaft dafür ein. Die «Wald- und Holzlobby» funktioniert in Bern gut. Die zusätzlichen Mittel sollten prioritär in den Waldumbau und die Walderschliessung fliessen. Ich bin überzeugt, dass parteiübergreifend die Einsicht besteht, dass dies gut investiertes Geld ist.

    Wenn Sie heute drei Massnahmen beschliessen könnten, um den Schweizer Wald für die nächsten Jahrzehnte widerstandsfähiger zu machen: Welche wären das?
    Wir müssen den Wald hin zu klimafitten und widerstandsfähigen Waldbeständen umbauen. Gleichzeitig gilt es, die Erschliessung und damit die Zugänglichkeit der Wälder zu verbessern. Schliesslich müssen wir durch gezielte Information und Kommunikation die Akzeptanz für eine aktive Waldpflege und -bewirtschaftung in der Bevölkerung stärken.

    Interview: Corinne Remund

    www.forstunternehmer.ch


    Zur Person
    Roland Furrer, Jahrgang 1968, ist dipl. Forst-Ingenieur ETH mit eidgenössischem Wählbarkeitszeugnis. Nach seinem Studium war er in Forschung, Kommunikation sowie in der Energie- und Umweltpolitik tätig. Von 2006 bis 2011 leitete er die Public Relations bei Waldwirtschaft Schweiz, anschliessend führte er FSC Schweiz. Von 2014 bis 2022 arbeitete er bei SGS als Manager Forestry & Climate Change Services mit Schwerpunkt auf FSC- und PEFC-Zertifizierungen, Audits und Klimathemen.
    Seit 2021 ist Furrer mit seiner Roland Furrer Consulting GmbH tätig. Er führt unter anderem den Verband Forstunternehmer Schweiz (FUS), betreut die PEFC- und FSC-Gruppenzertifizierung des Verbands Holzindustrie Schweiz und berät Unternehmen der Wald- und Holzbranche. Zudem engagiert er sich im Vorstand von PEFC Schweiz und weiteren Fachgremien.

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